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"Ich will das Bild der Realität nicht deckungsgleich wiedergeben ..." Christine Erhard im Interview
Painting the Glass House: Artists Revisit Modern Architecture
Stadtlich - urbane Fotografie
Foyers, Schauräume und Fototapete
Heute hier, morgen dort
Wonderlands: Perspektiven aktueller Photographie
Entwürfe virtueller Räume
Christine Erhard
Wo es mit der Kunst endet Neue Fotografien von Christine Erhard



"Ich will das Bild der Realität nicht deckungsgleich wiedergeben ..."
Christine Erhard im Interview

Christine Erhard, 1969 in Crailsheim geboren, ist eine der interessantesten jüngeren Fotokünstlerinnen Deutschlands. Die Düsseldorferin studierte von 1992 bis 1998 an der Düsseldorfer Kunstakademie. Marc Peschke interviewte Christine Erhard.

Marc Peschke: Liebe Christine Erhard, Sie haben von 1992 bis 1998 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler studiert, in einer Klasse für Bildhauerei. Was zeichnete seine Lehre aus?

Christine Erhard: Seine Lehre war nicht auf ein bestimmtes Medium festgelegt. Fritz Schwegler befähigte die Studenten, die eigene Motivation und das eigene künstlerische Wollen zu formulieren und zu erarbeiten. Ganz wichtig war die beharrliche Arbeit. Nur durch die Auseinandersetzung mit einem Werk war ein Weiterkommen möglich. Dabei war nicht von Bedeutung, mit welchen Mitteln man arbeitete, am Wichtigsten war die Stimmigkeit in sich und die Authentizität, die in einem Werk spürbar werden sollte.

Marc Peschke: Lassen Sie uns über den Werkprozess sprechen, der bei Ihren Arbeiten sehr wichtig ist. Sie beginnen mit dem Aussuchen fotografischen Materials. Das können eigene Bilder sein - oder fremde. In einem nächsten Schritt isolieren Sie Elemente dieser Bilder und bauen aus digital bearbeiteten Foto-Oberflächen und anderen Materialien dreidimensionale Raummodelle, die Sie danach fotografieren. Am Ende des langwierigen Prozesses steht also wieder eine Fotografie. Wie wichtig ist Ihnen dieser so handwerkliche Prozess?

Christine Erhard: Sehr wichtig. Mit meiner Methode, Fotografien herzustellen, wird die Konvention, nach der die Kamera im Bruchteil einer Sekunde das Bild eines Gegenstandes anfertigt, konterkariert. Hier fertigt die Kamera im Bruchteil einer Sekunde das Bild eines Gegenstandes an, der nur zum Zweck des Fotografierens hergestellt wurde. Die Herstellung dieses Bildgegenstandes ist dagegen ein langwieriger handwerklicher Prozess, der die Bildproduktion extrem verlangsamt. Dieses Verfahren verhält sich also genau gegenläufig zu dem immer schneller werdenden medialen Verwertungskreislauf des fotografischen Bildes.

Marc Peschke: Collage und Montage, das sind zwei Stichworte aus der Geschichte der Kunst, Leitmotive der Moderne, die auch in Ihrem Werk sehr wichtig sind. Was bedeuten sie Ihnen?

Christine Erhard: Collage und Montage ziehen sich durch mein gesamtes künstlerisches Werk. Meine ersten Versuche, ein Bild von dreidimensionalem Ausgangsmaterial zu erzeugen, welches reine Reproduktion im zweidimensionalen Sinne ist, waren Collagen, die - ähnlich wie meine Modelle von heute - ausschließlich zum Zwecke ihrer fotografischen Reproduktion entstanden. Fotografien wurden reproduziert durch etwas, was kein Foto ist - eine Papiercollage. Diese Collage wurde ihrerseits abfotografiert, so dass das entstandene Bild seinen Bildgegenstand und sein ursprüngliches Bildmedium nur noch indirekt in sich trägt, überlagert von dem Ergebnis eines handwerklichen Prozesses, dem Collagieren.

Marc Peschke: Sie haben Ihren Bildern stets sehr einfache Titel gegeben, wie etwa "Die Gartenterrasse" oder "Die Garagenzufahrt". Waren Sie nie in Versuchung, poetischere Titel zu finden?

Christine Erhard: Nein. Die Titel sollen den Bildgegenstand lediglich typologisch einordnen. Es soll keine Assoziation auf sprachlicher Ebene über das Bild gelegt werden.

Marc Peschke: Früher waren es Foyers, Eingangshallen, Dachterrassen, Fassaden, vertraute Allerweltsorte, die sie zeigten. Warum? Wollten sie die tatsächliche Existenz dieser oft so leeren, emotionslosen Orte ironisieren? Und warum waren diese Orte stets menschenleer?

Christine Erhard: Die genannten Bilder rekonstruieren meist ein konkretes historisches Vorbild. Bei dem Bild "Die Dachterrasse" handelt es sich zum Beispiel um die Rekonstruktion der Dachterrasse auf einem der Doppelhäuser von Le Corbusier und Pierre Jeanneret in der Weissenhofsiedlung Stuttgart. Viele meiner Fotografien aus dieser Reihe sind in Auseinandersetzung mit der Abbildungsgeschichte von Architektur entstanden. Am Bauhaus und in Vorläufern im Werkbund erlangte die Architekturfotografie als Darstellungsmedium des "Neuen" - Neues Bauen, Neues Sehen, Neue Sachlichkeit - eine enorme Bedeutung. In dieser Zeit entwickelten Architekten spezifische Strategien des Umgangs mit dem fotografischen Medium. Sie benutzten so das Medium der Fotografie um ihr Idealbild einer neuen Architektur zu propagieren. Es entwickelten sich Darstellungsformen, die schließlich stilbildend gewirkt haben. Dieses fotografische Ausgangsmaterial interessiert mich in seiner Rolle als Darstellungsmedium. Die Orte waren menschenleer, da diese Bilder keine Bezugsgröße brauchten.

Marc Peschke: Ute Eskilden hat einmal geschrieben, Ihre Arbeiten würden sich "eindeutig als Konstrukte, als Entwürfe virtueller Räume" präsentieren. Geht es tatsächlich darum, die Konstruiertheit der Bilder offenzulegen?

Christine Erhard: Es gibt bei den meisten meiner Fotografien Hinweise darauf, dass diese konstruiert sind. Bei den jüngeren Arbeiten gehe ich noch einen Schritt weiter und lege dieses Prinzip offen, indem die gebauten Objekte in den Realraum übergehen und eine direkte Verbindung eingehen.

Marc Peschke: "An einem Bild interessiert mich die Reproduktion einer Reproduktion, an deren Ende ein durchkomponierter, völlig neuer Bildraum steht", haben Sie einmal geschrieben. Es geht darum, etwas Neues zu erschaffen?

Christine Erhard: Meine Fotografien der letzten Jahre sind von der Überzeugung geprägt, dass Kunsterfahrung heute vorwiegend durch das Medium der fotografischen Reproduktion vermittelt ist, wie auch unsere Vorstellungswelt mehr von Bildern als durch eigene Erfahrungen geprägt ist. Von dieser Überzeugung ausgehend arbeite ich vor allem mit reproduziertem Bildmaterial. Es geht also nicht so sehr darum, wirklich etwas "Neues" zu erschaffen, als vielmehr darum, eine neue Sichtweise auf das bereits "Bekannte" zu entwickeln.

Marc Peschke: Eine weitere Bildserie waren Stereobilder. Um was ging es Ihnen dabei?

Christine Erhard: Die Stereobilder lassen eine stereoskopische, also dreidimensionale Betrachtung des aufgenommenen Bildgegenstandes zu, und führen umso deutlicher vor Augen, dass Bilder der Wirklichkeit letztendlich in unserem Gehirn entstehen.

Marc Peschke: Früher prägte ein sehr nüchterner, sachlicher, beinahe aseptischer Blick ihre Arbeiten. Das scheint sich seit einiger Zeit zu verändern. Ihre neuen Werke wie etwa "Der Bürobau" oder "Haus des Weinbauern" wirken in der Komposition chaotischer, auch skulpturaler. Zudem kombinieren Sie die Architekturelemente mit Möbeln und Requisiten. Sie sind nun ungleich fiktionaler.

Christine Erhard: Durch die Vermischung von Realraum und gebautem Raum kann der Blick zwischen der Seherwartung und dem tatsächlichen Bild hin und herwandern. Ich will das Bild der Realität nicht deckungsgleich wiedergeben sondern mit anderen Mitteln ein ähnliches Bild erzeugen. Die oben genannten Fotografien stellen den Versuch dar, mit den vorgegebenen Konstanten fotografischer Bilderzeugung - Strahlen dringen durch die Linse und schaffen ein linearperspektivisches Bild auf einer Ebene - zu brechen und das Mittel der Fotografie einzusetzen, um damit eine andere Raum - und Bildwahrnehmung zu erzeugen.

Marc Peschke: Sie sind Bildhauerin und Fotografin, ergänzen zwei Sphären zu etwas Neuem. Man kann sagen: zu einer neuen Raumerfahrung. Wie nehmen Sie denn ganz persönlich Räume wahr? Etwa, wenn Sie durch Düsseldorf laufen?

Christine Erhard: Ich gehe meist mit einer bestimmten Zielsetzung durch die Stadt und betrachte oder fotografiere die Dinge vor dem Hintergrund dessen, woran ich gegenwärtig arbeite. Einzelne Teile fließen dann in meine aktuelle Bildproduktion ein. Die Stadt dient gewissermaßen als Fundus für meine Bilder.

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Painting the Glass House: Artists Revisit Modern Architecture

Artists such as Christine Erhard and Luisa Lambri tackle the main System that allows modern architecture to be constantly revisited: photography. Modern architecture had a close relationship with the medium. Modern architects such as Le Corbusier, who said, "The elements of architecture are light and shade, walls and space," utilized photography as a tool for learning how to compose and control certain views, as well as to eliminate any undesirable spontaneity in order to achieve a "purist aesthetic" in their building designs.Through her photographs, Erhard reenacts the positioning of modern architects behind the camera. She re-elaborates the famous points of view that made modern architecture so photogenic and well known worldwide. Her reenactment of the whole process in order to arrive at the same conclusion evidences the great artifices these "casual" perspectives forcefully embody. After selecting an image (from printed media, her own or archival) she manipulates it to arrive at an ideal angle that she then materializes in a scale model. All the distortions that become invisible once a perspective is achieved are present in her skewed scale models, which she never displays.

Monica Ramirez-Montagut, Ph.D., Assistant Curator of Architecture and Design, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Organized by The Aldrich Contemporary Art Museum with the Yale School of Architecture
Presented at the Yale School of Architecture Gallery from February 11 through May 9,2008 and at The Aldrich Contemporary Art Museum from March 9 through July 27, 2008.

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Stadtlich - urbane Fotografie

In den Fotoarbeiten von Christine Erhard tritt uns der städtische Raum in seiner formalen Wirkung entgegen. Kein Wunder, denn die Künstlerin ist von ihrer Ausbildung Bildhauerin. Entsprechend plastisch formt sie ihre urbanen Landschaften. Imposante Architekturräume, tief ins Bild laufende Straßenschluchten, monolithische Gebäudekomplexe, Durchsichten, Aussichten. Stadt als Skulptur.
Doch schnell wird klar, dass man es hier nicht mit sachlicher Architekturfotografie zu tun hat. Man sieht, dass die Architekturelemente mit Büromöbeln oder anderen Requisiten kombiniert sind und zum Teil eigenartig kühl ins Bild montiert erscheinen. Christine Erhard zeigt keine urbanen Realitäten sondern aufwendig inszenierte Architekturfiktionen. Ihr Verfahren ist unerhört aufwendig: Sie baut maßstabsgetreue Modelle einer bestimmten, an die Realität angelehnten architektonischen Situation und beklebt sie mit Fotografien architektonischer Oberflächen, die sie am Computer der Räumlichkeit entsprechend gestaltet. So entstehen hochkomplizierte Architekturmodelle, die aus genau einer Perspektive eine schlüssige räumliche Wirkung entfalten. Eben diese lichtet dann die Künstlerin ab.
Christine Erhard erweist sich in ihren Arbeiten erstens als Bildhauerin, indem sie die skulpturalen Elemente städtischer Architektur verarbeitet und in Modelle umsetzt, zweitens als Fotografin, indem sie auf der Basis dieser Plastiken großformatige Fotokompositionen entwirft, und drittens erweist sie sich als hintersinnige Initiatorin verstörender und amüsanter Wahrnehmungssituationen. Sie schickt den Betrachter hin und her zwischen Fakten und Fiktionen, Dokumentation und Inszenierungen.

Dr. Tobias Wall, Stuttgart, anläßlich der Ausstellung "Stadtlich - urbane Fotografie", Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus, Eröffnung am 12.07.2007

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Foyers, Schauräume und Fototapete

Christine Erhard hat Foyers und Empfangshallen in einer seltsam irrealen Weise bildlich inszeniert. Bei solchen Empfangsräumen handelt es sich durchweg um Zonen, die "unwohnlich" sind. Man hält sich hier immer nur kurz auf und richtet sich keineswegs ein. Sie sind beim Betreten des Gebäudes allerdings gemeinhin der erste räumliche und emotionale Eindruck, den man von einem Hotel, von einem Unternehmen oder von einer Behörde hat. Allein durch ihre Dimension sollen die Foyers von Firmengebäuden eine Repräsentativität ausstrahlen, die man von der alten Palastarchitektur übernommen hat: Diese Dimensionierung definiert die Unternehmenszentrale als Herrschaftszentrum.
Das Ambiente in den Foto-Bildern von Christine Erhard ist menschenleer, und es wirkt auch sonst völlig unpersönlich. Selbst wenn es hier eine Empfangsdame, einen Portier oder Wachmann zu sehen gäbe, wäre deren Auftreten völlig ritualisiert. Nicht zuletzt deswegen trägt das Empfangspersonal gemeinhin Uniformen oder als Hostessen-Kostüm eine uniformähnliche Kleidung.
Bei Erhards Bildern blickt man aus dem minimalistisch-kühl eingerichteten Inneren durch Glasscheiben auf üppig wucherndes Gebüsch oder auf einen minutiös angelegten japanischen Kiesgarten mit Pflanzen. Man fragt sich, ob dieses Aufeinandertreffen von baulichem Raum und gartenkünstlich angelegtem Naturraum tatsächlich einer realen Situation entspricht, oder ob die Künstlerin vielleicht mittels Collage- oder Montagetechnik diese Foyers inszeniert hat. Tatsächlich sind es keine abfotografierten Real-Räume: "Was wir sehen, sind Modelle der Wirklichkeit, kleine gebaute Architektur-Utopien aus dem Kopf der Künstlerin, die in jüngster Zeit auch mit Hilfe des Computers entstehen. In einem ersten Schritt entstehen Zeichnungen, dann generiert Christine Erhard am Rechner Oberflächen für ihre dreidimensionalen Architekturmodelle... Der Künstlerin ist wichtig, dass es sich um dreidimensionale Modelle handelt, deren Status noch im Endprodukt, der Fotografie, deutlich bleibt..." 1
Über die Illusion von Wohnlichkeit arbeiten auch Miriam Bäckström und Joanna Schulte, die das Innere ihrer skulpturalen Kartonhäuser mit Fototapeten ausstaffiert, die ausgerechnet in dieser räumlichen Enge die Weite einer Landschaft zeigen. Miriam Bäckström hat in Stockholm Schauräume fotografiert, wie sie Möbelmärkte mit ihrer Ware inszenieren. Sie wirken genau unpersönlich wie Erhards Räume - eben weil sie nicht einer konkreten Wohnnutzung dienen, sondern lediglich demonstrieren, wie man mit diesem Mobiliar wohnen könnte. Möbel und Tapeten allein garantierten noch keine Wohnlichkeit oder Häuslichkeit, sondern erst die praktische Aneignung der Räume, bei gleichzeitiger Erfüllung der emotionalen Ansprüche durch das Ambiente.

ANMERKUNGEN:
1) Marc Peschke, "Wo es mit der Kunst endet - Neue Fotografien von Christine Erhard", in: "Transistor Magazine No. l", Hamminkeln 2001, S. 34
Auszug aus dem Text von Jürgen Raap "My home is my castle", künstlerische Wohnwelten, Kunstforum Band 184 März-April 2007, Häuser II. Der Geist der Schwelle

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Heute hier, morgen dort

Fremd und seltsam entrückt wirken die fotografischen Bildprodukte von Christine Erhard, dabei erscheint auf den ersten Blick eigentlich alles vertraut. Bei näherer Betrachtung erweist sich die vordergründige Ausgewogenheit der Motive als berechnende Gemengelage unterschiedlicher, gestaffelter Bildinformationen, die sich einer gemeinsamen topographischen Bestimmtheit verweigern, gleichwohl sie durch die Fotografie auf einer Zeitachse fixiert wurden. Tatsächlich sind die Abbildungen mit Hilfe einer Montagetechnik entworfen.
Grundlage bilden dreidimensionale, skulptural angelegte Modelle, gefertigt aus gefundenen oder vorproduzierten Bildmaterialien, die Christine Erhard öffentlichen (korporativen) Arealen unserer Alltagswelt entlehnt, um sie als Realitätsfragmente in einer miniaturisierten Kulisse gestaffelt zu montieren. Aus kalkulierten Perspektiven und in vorherbestimmten Belichtungssituationen abfotografiert, werden die verschiedenen Ebenen und Realitäten dann auf einer gemeinsamen Bildoberfläche zusammengeführt.
Ergebnis sind Raum- und Perspektivadditionen von Passagensituationen, Architektur- und Interieuransichten, die seltsam kühl, zeitlos und aseptisch, ja geradezu unheimlich anmuten.
Und dort, wo Menschen einbezogen sind, fungieren diese wie skurrile Pappkameraden in einer feindlichen Umgebung. Denn Kennzeichen ist stets die beziehungslose Distanz zwischen den einzelnen Bildschichten, zumal Spuren der Rekonstruktion nicht verheimlicht werden. Auch wenn das Montageverfahren die Realitätsebenen neu sortiert, erzeugen die Arbeiten keine alternativen Wirklichkeiten. Vielmehr gleichen sie in ihrem Verfahren frappierend dem zeitgenössischen Raumparadigma. Wird Raum doch nicht als Leere erlebt, sondern als Nebeneinander verschiedener Ordnungs- und Ortsbezüge. Dass aber seine auseinanderdriftenden und sich überlagernden Segmente als Kontinuität wahrgenommen werden, liegt nicht zuletzt an der Mobilisierung des Blicks, geschult durch die zunehmende Mediatisierung des Alltags.
So wirkt die Beschleunigung des Sehens zentrifugal auf unsere Wahrnehmung:
Die einzelnen, durchaus disparaten Elemente und Infor mationsschichten geraten in Bewegung und verschleifen sich zu einem nahezu beliebig deklinierbaren Bild ohne Widerhaken oder Untiefen.
Indessen hält Christine Erhard die Rotation nicht nur an, sondern kehrt das Prinzip zeitgenössischer Raumkonstruktion, das Raumwahrnehmung als Prozess der Raumgestaltung begreift, um. Dabei betreibt die Künstlerin eine Art Privatisierung der öffentlichen Bilderwelt, indem sie wahrgenommene und erlebte Realität ihrer persönlichen Ikonographie einverleibt, um sie dann aus diesem Repertoire setzkastenartig zu zitieren und zu eigenen, modellhaft entwickelten Systemen zu kombinieren. Im Hard-Edge-Verfahren erzeugen die Arbeiten eine ironische Formatierung und zugleich Defragmentierung der Oberflächenwelt.
Mit zunehmendem Ab- und Auflösen des Realraumes haben sich die Fassaden zu einer verräumlichten Oberfläche verselbständigt, die sich als virtueller Aktions- und Ereignisraum andienen - jedoch ohne ein kommunikatives Potential zu eröffnen. Aber nicht nur die Aktivitäten, sondern die Darstellungen selbst tauchen in das Reich der Imagination ab.
Und dass Stadtraum Kopfraum ist, darauf verweisen vor allem die aktuellen Stereobilder der Künstlerin - lokalisieren sie doch während der Betrachtung mit Hilfe eines einfachen optischen Tricks den dreidimensionalen Raum dort, wo er entstanden ist.

Katalogtext von Marcus Lütkemeyer (Münster) anläßlich der Ausstellung "Heute hier, morgen dort", Städtische Ausstellungshalle Münster, Dez./Jan. 2004/05

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Wonderlands: Perspektiven aktueller Photographie

Ebenso wie Candida Höfer wendet sich die Förderpreisträgerin Christine Erhard innerhalb ihrer photographischen Arbeit dem Thema Raum zu. Obwohl auch ihre Ansichten von Innen - und Außenräumen zunächst dokumentarisch wirken, verbirgt sich hinter diesen jedoch eine technisch manipulierende Vorgehensweise, steht für die in Düsseldorf lebende Künstlerin der Aspekt der Bildgestaltung im Kontext von Raumerfahrung im Vordergrund ihrer Arbeit. Sie kann damit einer jüngeren Generation von Künstlerinnen zugerechnet werden, deren Kritik an der vermeintlich dokumentarischen Fähigkeit der Photographie innerhalb fiktionalisierter, häufig auch auf Modellen basierender Konzepte Umsetzung findet.
Die Auseinandersetzung mit Fragen räumlicher Dreidimensionalität und flächiger Bildwiedergabe wird bei Christine Erhard als Zusammenspiel von Bildelementen mit architektonischen Raumanschnitten, betont strukturell geprägten Architekturdetails und Zitaten von Umgebung zum Ausgangspunkt der künstlerischen Bildfindung. In ihren Photographien verbindet sich das Innen mit dem Außen, das Flächige mit dem Räumlichen, wobei die Bildquellen jeweils unterschiedlicher Herkunft sein können. In irritierender Weise verschmelzen die Bildelemente miteinander und initiieren so eine neue Raumerfahrung.

Dr. Barbara Hofmann im Katalog "Wonderlands: Perspektiven aktueller Photographie", Museum Küppersmühle, Duisburg, Frauenkulturbüro NRW e.V, 2003

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Entwürfe virtueller Räume

Den Förderpreis/Künstlerinnenpreis des Landes NRW 2002 erhält Christine Erhard.
Ihr konsequenter, kontinuierlich entwickelter Umgang mit dem Bildmittel Fotografie im Zusammenhang von Raumentwürfen bzw. -erfindungen überzeugte die Jury als eigenständige Bildsprache.
Christine Erhard, 1969 in Crailsheim geboren, studierte von 1992 bis 1998 an der Kunstakademie Düsseldorf (Klasse Fritz Schwegler). Ihr ersten Arbeiten bezogen sich auf die Herstellung von Gegenständen, z. B. Möbeln, die sie für spezifische Raumsituationen entwarf.
Aus dieser Auseinandersetzung mit der Typisierung von Räumen entstanden Collagen und der erste Versuch mit fotografischen Mitteln, die ihren Vorstellungen von Raumsimulationen entgegenkamen.
Für den Prozess ihrer künstlerischen Praxis sind zwei Aspekte des fotografischen Prozesses wesentlich; der den Gegenstand konservierende und der für den Blick des Betrachters bestimmende optische. Ihr Ausgangspunkt ist das gebaute Modell, dem sie in der fotografischen Wiedergabe Spuren des vorangegangenen handwerklichen Prozesses erhält. Oder es sind Abbildungen aus unterschiedlichen Quellen, aus denen sie Elemente isoliert und perspektivisch bearbeitet. Ihre Arbeiten zielen also nicht auf eine Irritation zwischen Bild und Wirklichkeit, sondern präsentieren sich eindeutig als Konstrukte, als Entwürfe virtueller Räume, in Form von kleinformatigen Farbfotografien, "An einem Bild interessiert mich die Reproduktion einer Reproduktion, an deren Ende ein durchkomponierter, völlig neuer Bildraum steht."

Prof. Ute Eskildsen, 19.07.2002

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Christine Erhard

Christine Erhards fotografische Arbeiten zeigen uns architektonische Räume, Interieurs wie Exterieurs. Es sind uns vertraut erscheinende öffentliche Orte wie Foyers, Empfangshallen oder großstädtische Fassadenarchitekturen. Ihre Bilder sind auf präzise Art und Weise organisiert, und geprägt von einem vordergründig, nüchtern - sachlichen Blick auf die zumeist unspektakulären Motive.
Die Wirklichkeit suggerierend, verführerisch vor Augen führend, sind sie doch Realität aus zweiter Hand. Das Bild wird faktisch konstruiert, es sind gebaute Modelle die sie fotografiert, denen häufig bestehendes, wie eigenes fotografisches Bildmaterial zu Grunde liegt.
Die Fotografie als Täuschungseffekt. Die flachen Prospekte ihrer dreidimensionalen Modelle suggerieren Volumen und Raum ohne wirklich Raum zu haben, und binden diesen damit in eine flächig bildhafte Wirkung zurück.

Die Klarheit und Ordnung der geometrischen Strukturen enthüllen ihr konstruktiv -abstraktes Potentiale. Seltsam bereinigt von allem Nebensächlichen, scheinen sie entleert - Orte ohne Zeit und Geschichte. In ihrer konzentrierten Verdichtung werden sie zu Stellvertretern stereotyper öffentlicher Räume und Orte. Es sind rekonstruierte Orte von einer spezifischen Atmosphäre, von realem Anschein und zugleich doch gänzlich artifizielle Konstrukte.

Christine Erhards subjektives Eingreifen formt und lenkt den Blick des Wahrnehmenden, Ihre Arbeiten werden somit zu ambivalenten Modellen des Wirklichen.
Es ist der fotografische Blick, der hier Wirklichkeit inszeniert und zugleich als Konstrukt entlarvt, und auf beeindruckende Weise stellt sich die Frage nach der Realität und den Wahrnehmungsbedingungen des Wirklichen.

Auszug aus der Eröffnungsrede anlässlich der Stipendiatenausstellung auf Schloss Ringenberg, Nov.2001, von Gert Borkelmann

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Wo es mit der Kunst endet
Neue Fotografien von Christine Erhard

Das 'Foyer' trennt vom botanischen Wildwuchs nur eine millimeterdünne Glasscheibe: Schneller als bei früheren Arbeiten von Christine Erhard wundert sich der Betrachter, ob hier alles stimmt: Was genau nicht stimmt, wissen wir noch nicht. Doch offensichtlich hat die Künstlerin die Arbeit manipuliert, zwei Wirklichkeiten zusammengebracht.
Collage & Montage: Zwei Stichworte aus der Geschichte der Kunst, Leitmotive der klassisch gewordenen Moderne. Die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts, Dada, Surrealismus und die experimentelle Filmkunst an erster Stelle, haben die Collage zum Prinzip einer Kunst erhoben, die sich als Kunst der Negation, der Dissidenz und Überraschung verstand. Und auch Christine Erhard liebt das Überraschungsmoment, den Bruch in der glatten Oberfläche des Fotografischen - in ihrem 'Foyer' ist die Trennlinie zwischen Architektur- und Naturraum scharf wie ein Messerschnitt.
Viele neue Arbeiten von Christine Erhard zeigen solche Architekturräume, Zentren von Macht und Einfluss. 'Foyer' oder 'Empfangshalle': Alle diese Räume sind menschenleer. Christine Erhard lässt das Interieur für sich sprechen.
Tatsächlich: Was wir sehen, sind Modelle der Wirklichkeit, kleine gebaute Architektur-Utopien aus dem Kopf der Künstlerin, die in jüngster Zeit auch mit Hilfe des Computers entstehen.
In einem ersten Schritt entstehen Zeichnungen, dann generiert Christine Erhard am Rechner Oberflächen für ihre dreidimensionalen Architekturmodelle - oder findet sie in Kunstkatalogen, Zeitschriften und Architekturbüchern -, die sie in die 'realen Modelle einarbeitet, aufklebt und anschließend fotografiert. Der Künstlerin ist wichtig, dass es sich um dreidimensionale Modelle handelt, deren Status noch im Endprodukt, der Fotografie, deutlich bleibt. 'Unsinnige' Schattenführungen etwa gehen zurück auf die reale, konstruierte und später ins Fotografische übersetze Anordnung: Nicht die (computerunterstützte) Simulation von Wirklichkeit ist ihr Thema - die Software ist ein Hilfsmittel zur Reproduktion bereits vorhandener Oberflächen, die Erhard im Modell neu arrangiert.
Oft zitiert Christine Erhard den Minimalismus vergangener Architekturvisionen.
Denn viele dieser Bauten kann man schnell in die sechziger und frühen siebziger Jahre datieren, in eine Zeit des Ausbruchs aus dem Mief der Nachkriegszeit - eine Blütezeit des öffentlichen Bauens. Christine Erhard weiß, dass die Architektur eine, Kunst für den Menschen sein soll - doch an diesem Anspruch immer wieder zu scheitern droht.
Ihre Räume sind menschenleer- und laden auch kaum zum Verweilen ein. Sie zeigt die Foyers der Finanz- und Bankenwelt, Foyers in Gebäuden, die allesamt teilhaben am (unsichtbaren) politischen Machtgefüge - Räume, die durchschritten werden, in denen aber nicht gelebt wird.
Auch davon macht sich Christine Erhard ein Bild: Es ist offensichtlich die Kunst, die in der schönen Tristesse dieser Räume für Unterhaltung zu sorgen hat. In der 'Empfangshalle' führt die Moderne vor, was sie kann: Vier Pastellquadrate, orange, lachsfarben, rosa und grau und nochmal ein grauer Kreis - Christine Erhard weiß wo und wie es mit der Kunst endet.
Sie erfüllt in ihren Räumen, genauso wie die prächtigen Palmen und Ledersofas, ein eher leidenschaftsloses Repräsentationsbedürfnis.

Text in "Transistor", Magazin #1, Schloß Ringenberg 2001, ISBN 3-00-010263-9
Marc Peschke, Kunstkritiker, Hamburg, 2001


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